Wie trainieren Führungskräfte Agilität?

October 20, 2020 Carmen Hentschel

Agiles Leadership ist in aller Munde. Doch wie trainieren Führungskräfte diese Agilität?
Ein ganzheitlich gedachter Ansatz.


Die Corona Krise ist als eine Art VUCA-Tornado durchs Land gefegt. Das Kunstwort VUCA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Genau das haben wir in den letzten Monaten erlebt, in der Gesellschaft gleichsam wie in den Firmen und Betrieben: von heute auf morgen kann sich die Lage drastisch ändern und aus vielen Richtungen bekommen wir die unterschiedlichsten Informationen.

 

Das führte und führt auch weiterhin zu großen Unsicherheiten. Denn kaum war ein Plan gefasst worden, musste er unter Umständen gleich wieder geändert, wenn nicht sogar ganz verworfen werden. 

 

Wer nun darauf hofft, daß mit dem noch nicht absehbaren Ende der Corona Krise alles vorbei ist und endlich wieder Ruhe eingekehrt um gemütlich in alte Strukturen zurück zu fallen, der hat sich geirrt: dieses hohe Maß an Agilität ist gekommen um zu bleiben. Denn wir leben im Zeitalter von exponentiellen, das heißt immer schneller werdenden Veränderungen.

Agilität als Erfolgsturbo
So belegen inzwischen sogar Studien die Korrelanz zwischen der Agilität eines Unternehmens und dessen Erfolg. Und eine Untersuchung aus Deutschland kam zu dem Schluss: nur fünf Prozent der befragten Unternehmen gelingt es, mit wenig agilem Verhalten finanziell erfolgreicher zu sein als ihre Konkurrenten auf dem Markt.

Doch wie sieht es auf der anderen Seite bei den hoch agilen Unternehmen aus? Die sind durchschnittlich 2,7 Mal erfolgreicher als ihre trägeren Mitbewerber auf dem Markt. Und galt bis vor einiger Zeit noch, daß Agilität doch vorwiegend in bestimmten Branchen und Betriebsgrößen gefordert ist, so hat uns auch hier die Corona Krise eines Besseren belehrt. Auf einmal hiess es für den Händler wie den Gastronomen, den Arzt wie den Lehrer: finde nun ganz schnell Lösungen für die massiv veränderten Bedingungen.

An dem Thema Agilität kommt keiner mehr vorbei
Oder denken wir zum Beispiel an die Veranstalter von Weinfesten: krisensiches Konzept, oder? Die Besucher kommen zuverlässig Jahr für Jahr und kaufen den Winzern ihre Weine ab. Und wenn es mal regnet, wird halt ein Zelt aufgestellt. Doch dann auf einmal: alles abgesagt. Den Winzern und Betrieben drohen große finanzielle Einbußen. Was tun? Durch schnelles agiles Handeln hat der Tourismusvereins "Südliche Weinstraße“ kurzerhand ein Online Weinfest auf die Beine gestellt. Mit allem Zipp und Zapp von musikalischen Einlagen über Weinverkostung bis zu Saumagen-Burger zubereiten in der heimischen Küche. Das Konzept war ein Riesen-Erfolg und nach den ersten 1000 bestellten Verköstigungs-Paketen für zu Hause musste erst mal die Stopp-Taste gedrückt werden, da man dem Andrang nicht mehr hinterherkam.

Sicher hat ein Weinfest nun wenig mit dem Alltag in deutschen Firmen zu tun. Doch genau darum geht es eben auch bei Agilität: den zu Kopf öffnen. Die Bereitschaft neu und anders zu denken und sich auf ein immer häufiger überraschendes Marktgeschehen sowie veränderte Bedingungen einzulassen. Und auch mal, im wahrsten Sinne des Wortes: über den Tellerrand zu gucken.
 

Agile Methode sind kein Allheilmittel
Inzwischen sind diese Erkenntnisse bereits in viele Firmen durchgedrungen. Es wird dann versucht, mittels agiler Methoden wie beispielsweise Scrum und Kaban diese Erfolgskarte für sich zu gewinnen. Doch diese Tools dienen primär der Planung von Prozessen und Projekten. Mitarbeiter motivieren und managen, gar die „Führungskraft als Coach“? Das bedeutet es noch lange nicht. 

Denn die Anwendung agiler Methoden zaubert nicht plötzlich auch ein agiles Mindset. Genau da überschätzen viele Chefs oft ihre Mitarbeiter. Agiles Leadership bedeutet, daß die Führungskraft selber eine hoch agile Persönlichkeit entwickelt und vorlebt, was sie von den Mitarbeitern fordert.

Doch wie lernt man das? Agilität lernt man am besten wie Alles im Leben: durch Tun.

Agilitätschulung am Beispiel des Berufs des Schauspielers
Und auch hier lassen Sie uns als Beispiel einmal einen ganz anderen Bereich betrachten: den Beruf des Schauspielers. Denn Theater und Film sind eine Art super VUCA Welt, die eine hohe Agilität von den Schauspielern erfordert. So muß man in dem Beruf in der Lage sein, jede beliebige Rolle in jedem beliebigen Stück spielen zu können. Und das mit den unterschiedlichsten Mitspielern an den unterschiedlichsten Orten. Klingt doch eigentlich vertraut nach dem, was auch von Führungskräften in deutschen Firmen gefordert ist, oder?

Um dazu in der Lage zu sein, muss man das Instrument kennen, auf dem man spielt. Und das Instrument ist der Schauspieler selber.

 

Was in der vierjährigen Schauspielausbildung somit trainiert wird, ist weitaus mehr als eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Inhalten und aufzuführenden Stücken. Vielmehr liegt der Fokus auf Ganzheitlichkeit in der Ausbildung und all dem, was einen Menschen ausmacht: Kopf, Körper und Gefühle. Und so gibt es inzwischen auch für Manager neue Trainingsmethoden, welche tiefer und weitreichender sind als bisherige Konzepte. „Erkenne Dich selbst“ ist das Motto und das Ziel ist eine ganzheitliche Persönlichkeitsschule. Diese umfasst Körperarbeit aber auch die intensive Beschäftigung mit den eigenen Glaubenssätzen und Gefühlen sowie der Wahrnehmung der Umwelt.

Was das konkret heißt, versteht man wenn man einen Blick auf den Stundenplan deutscher Schauspielschulen wirft. Im Folgenden möchte ich Ihnen das anhand einiger Beispiele zeigen:

Kunst
Man geht ins Museum um mit Kunstprofessoren darüber zu diskutieren: wie kam es zu dieser Szene in dem Bild, was ist vorher passiert, wie geht die Szene weiter? Welche Gefühle haben die Menschen in dem Bild, vielleicht auch zwiegespaltene - und was möchten sie voneinander? Wer führt die Szene? In wiefern hat die Künstlerin, der Künstlerin den Zeitgeist aufgegriffen oder ihm widersprochen?

Gefühle:
Welche Gefühle zeigst Du als Mensch am häufigsten - und woher kommt das?
Was macht Dich glücklich, wütend oder traurig und warum?
In welcher Art und Weise zeigst und äußerst Du dann diese Gefühle?
Wie verändert sich Deine Stimme und Dein Körper, wenn Du in einem bestimmten Gefühl bist und wie wirkt das auf Andere?
Welche Gefühle hättest Du gerne öfter?


Auseinandersetzung mit dem Thema Macht und Status
Eine typische Übung: zeige dem Anderen in einem Gespräch zu einem beliebigen Thema, daß Du der leitende Part von Euch beiden in dieser Sache bist. Schnell wird klar: das hat nichts mit lautem Ton und mundtot reden des Gegenübers zu tun. Sondern der Part mit dem höchsten Status ist immer der, der die größte Souveränität behält.
Die hohe Kunst der Führung findet sich auch an Schauspielschulen mit der Botschaft: Ich habe als leitender Part eine so hohe innerer Sicherheit, daß ich es nicht mehr nötig habe den Anderen „klein“ zu machen. Sondern ich stelle meine Kraft und Kompetenz in den Dienst der Sache und meiner Mitmenschen. Wahres Leadership erhöht andere Menschen und lässt sie wachsen.

Gedankliche Flexibilität
Die beiden Teilnehmer stellen sich gegenüber und der eine erzählt dem anderen eine Geschichte. Derjenige der zuhört steuert die Erzählung mit dem Kommandos „Zoom in“ oder „Zoom out“. Zoom in bedeutet, daß der Erzähler ab sofort seinen Erzählstil ändert und in die Detailbetrachung der Szene geht, in dem jedes kleine Merkmal genau betrachtet wird. Zoom out bedeutet das Gegenteil, nämlich daß der Erzähler die Handlung in großen Schritten vorantreibt. Dieser gedankliche Switch erfordert eine hohe Konzentration und schult die Flexibilität der Betrachtung.

Körper
Der Körper ist in der Kommunikation sowohl Sender wie auch Empfänger. Als Sender haben wir eine starke Kraft zur Verfügung in der Kommunikation mit unseren Mitmenschen, wenn wir wissen wie wir wirken in welcher Haltung. Aber auch, welche körperlichen Signale Menschen verbinden und welche sie trennen. Und als Empfänger dient unserer Körper als fein eingeschwungener Seismograph, der die Schwingungen des Gegenübers aufnimmt und auswertet. Haben wir im sprichwörtlichen Sinne ein gutes Bauchgefühl, wollen wir den Körper öffnen oder verschliessen - und warum?

 

Zum Körper gehört natürlich auch die Stimme. Ein jeder Schauspieler weiss um die Wirkung von Tonfall, Betonung und Artikulation und Studien sagen, daß die Stimme das Gespräch sogar zu einem Drittel beeinflusst. Es lohnt sich also sich damit zu beschäftigen, wie wir eigentlich klingen.

 

Um das „Instrument“ Körper zu verstehen und zu beherrschen, braucht es ein ganzheitliches Training. Wer zum Beispiel Marathon läuft, schult damit ganz bestimmte Eigenschaften des Körpers, zum Beispiel Kondition, Kraft und Stärke. Marathon hat aber auch viel mit Durchhalten zu tun, ein bisschen die Zähne zusammenbeissen und den Körper „fest“ machen. Von einem Tangotänzer hingegen sind ganz andere Eigenschaften gefordert: hier geht es darum, den Körper möglichst durchlässig zu machen, zu fliessen, geschmeidig zu sein und sich zu öffnen.

Und so werden auch auf der Schauspielschule um die Agilität des Körpers zu schulen die unterschiedlichsten körperlichen Formen trainiert wie Tanzen, asiatische Kampfkunst, Yoga und Fechten.

Das Ergebnis all dieser vielfältigen Ausbildungsimpulse? Ist nach vier Jahren dann ein gedanklich, emotional wie körperlich rundum flexibler, hoch agiler Schauspieler. Der in der Lage ist in jedem ihm angebotenen Stück mitzuspielen. Es ist an der Zeit, daß wir auch das Thema Leadership umfassender denken. Denn wir hat schon Darwin festgestellt: »Es ist nicht die stärkste Spezie die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.«

 

Warum in Zukunft agile Führungskräfte mehr denn je gefragt sind, haben wir uns in diesem Artikel angeschaut. Nun geht es um die Umsetzung in den Unternehmen. Ich hoffe Sie konnten einige Impulse und Anregungen mitnehmen, wie so eine ganzheitlich gedachte Agilitäts-Schulung von Führungskräften aussehen kann.

 

Gerne können Sie sich hier einige Tipps für motivierte Mitarbeiter in disruptiven Zeiten downloaden! 

Über den Autor

Carmen Hentschel

Carmen Hentschel is a moderator and speaker for the topics of digitization and Leadership. She is passionate about all aspects of the digital world like Artificial Intelligence, New Mobility, Industry 4.0., Digital Health, Blockchain and Smart City as well as the effects and potential of digitization for the individual industries.

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