Get Smart: "Intelligente" Verträge für die HR?

September 4, 2018 Michael Grotherr

In einem unserer letzten Blogbeiträge sind wir bereits auf den möglichen Einfluss der Blockchain aufs Recruiting eingegangen. Ein verwandter Aspekt ist der Einfluss von sogenannten Smart Contracts, jenen Computerprotokollen, die Verträge abbilden und die Verhandlung eines Vertrags technisch unterstützen. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus für HR?

Smart Contracts – zu Deutsch: intelligente Verträge – werden häufig in einem Atemzug mit der Blockchain-Technologie genannt. Im Wesentlichen sind diese intelligenten Verträge digitalisierte Code-Regeln mit genau programmierten Vorgaben, was passiert, wenn Geld hereinkommt oder bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Namhafte Unternehmen wie IBM setzen bereits auf die neue Anwendung, über die in Zukunft der automatisierte Handel von Energie und Flexibilitäten von Verbrauchersystemen organisiert werden soll. Dank moderner Datenanalyse- und Optimierungsfunktionen ermöglichen die Smart Contracts die automatisierte Ausführung rechtsverbindlicher Transaktionen, in deren Folge die physikalische Lieferung erfolgt. Bislang handelt es sich in den meisten Fällen noch um Leistungen wie Strom.

Doch Experten sehen in Smart Contracts auch Vorteile für andere Geschäftsfelder gegenüber konventionellen Verfahren. Neben dem erwähnten dezentralen Energiehandel prognostizieren Experten auch Kostenvorteile und Qualitätssteigerungen bei Abrechnungs- und Zertifizierungsprozessen im Dienstleistungsgewerbe. Somit ergeben sich viele Möglichkeiten aus der digitalen Vertragsabwicklung für ihre Mitarbeiter.

Algorithmen der Smart Contracts können beispielsweise die Bezahlung und Leistungserbringung von Arbeitnehmern verwalten. Vereinzelt berichten Medien bereits, dass Smart Contracts das Potenzial besäßen, durch ihre nicht-hierarchische Verteilung von Arbeitsabläufen, bestehende Führungsstrukturen zu verändern. Erst durch diese Technologie werde das Hauptaugenmerk auf Aufgaben anstatt auf die reinen Berufsbezeichnungen gelenkt. Genauso wird die Arbeitsteilung anstelle von Delegation der Tätigkeiten in den Fokus gerückt, wie auch klare Regeln und Rechenschaftspflichten anstatt ungeklärte Zuständigkeiten im Büro. Allerdings ist diese Annahme noch recht vage, und die meisten Vorteile sind eher für Ausnahmefälle, wie Freelancer oder multinationale Konzerne geeignet.

Für international tätige Unternehmen, im Gegensatz zum elektronischen Versand der Lohn- und Gehaltsabrechnung im Inland, ist der Versand nach Übersee für Unternehmen meist teuer und kann, aufgrund mehrerer zwischengeschalteter Banken und Dritter, mehr Zeit beanspruchen. Somit können sich die langfristigen Ineffizienzen der Lohnzahlungen im Ausland summieren. Währungsschwankungen können sich sowohl auf den Arbeitgeber als auch auf den Arbeitnehmer unmittelbar auswirken. Stündliche Wechselkursänderungen werden routinemäßig von Intermediären genutzt. Eine andere Lösung sieht die Kombination der Blockchain mit Mobil- und Cloud-Technologie durch den Einsatz von Bitcoin als Zahlungsweise vor.

Zeit mag zwar Geld sein und ein internationales Payroll-Blockchain-Modell bietet in der Tat eine schnellere Lösung, aber es ergeben sich gleichzeitig mehrere Probleme. Viele global agierende Unternehmen schaffen es auch heute noch nicht ein Headcount Planning für all ihre Niederlassungen zu implementieren. Obwohl es hier schon seit Beginn der Digitalisierung eine Vielzahl an Lösungen gibt. Außerdem steckt die Blockchain noch in den Kinderschuhen – gar nicht zu reden von Smart Contracts. Bis diese routiniert zum Einsatz kommen, wird noch viel Wasser den Jordan hinabfließen.

Von vollautomatisierten Verträgen und Identitätsprüfungen

Aber nicht nur bei der Mitarbeitervergütung, sondern auch im Recruiting sollen die intelligenten Verträge ähnlich wie die verwandte Blockchain zum Einsatz kommen. Smart Contracts hätten demnach die Fähigkeit, den zeitraubenden Identitätsprüfungsprozess überflüssig zu machen. Die Kandidaten müssten keine langen Genehmigungsformulare mehr ausfüllen. Sie ermöglichen es Unternehmen die Identitätsprüfung automatisch durchzuführen. Auch im Onboarding soll die Technologie zum Einsatz kommen, wenn es darum geht den dokumentenstarken Prozess zu ersetzen und für größere Volumina und Umschlagspositionen zu rationalisieren. Rekrutierung, Arbeitsvertrag, Vergütung, Steuerverpflichtungen etc. könnten so unter einen Hut gebracht werden.

Eine Reihe von Unternehmen findet ihre Kandidaten schließlich über externe Vermittler, die jedoch recht teuer sein können. Smart Contracts können – so heißt es – diese Vermittler eliminieren, sodass die Personalabteilung die direkte Kontrolle über den Rekrutierungsprozess hat, was Zeit und Geld spart. Dieser Gedanke ist jedoch nicht neu, denn es sollte seit jeher das Ziel jeder HR-Abteilung sein, selbst die Regie im Recruiting zu übernehmen. Im Internet wird also zukünftig häufig zu lesen sein, dass Smart Contracts den Zeit- und Arbeitsaufwand von Recruitern effizient gestalten und menschliche Fehler ausschließen. Letzteres kann jedoch stark bezweifelt werden – zumindest in der praxisnahen Anwendung. Auf dem Papier mag sich die neue Technologie vielleicht sehr durchdacht anhören. Doch jeder Recruiter, der sein Handwerk versteht, würde die Bedingungen der Datensicherheit für die Bewerber kritisieren. Auch ohne diese Entwicklung ist das Thema bereits ein heißes Eisen und die neue Art der Vertragsautomation gibt auf diesen Umstand auch keine Antwort. Insbesondere die Identitätsprüfung könnte sich als recht tückisch erweisen. Die Verknüpfung mehrerer Prozesse, wie Arbeitsvertrag und Steuerverpflichtungen, zu einem Arbeitsakt stellt sich durch das deutsche Gesetz als schwierig dar.

Das Konzept mag vielversprechend klingen, doch bis zu seinem alltäglichen Einsatz gibt es noch viel Luft nach oben. Selbst wenn die Technologie bald bereitstehen sollte, lässt sich immer noch nicht sagen, ob sie sich in der Breite der Unternehmenslandschaft durchsetzt. Denn am Ende entscheiden immer noch die Nutzer. Und das sind sowohl die Personalmanager, als auch die Bewerber und Mitarbeiter.

Über den Autor

Michael Grotherr

Michael Grotherr is Vice President for Sales in Central Europe at Cornerstone OnDemand since 2017. He works from Munich and has extensive and detailed industry knowledge regarding strategic leadership, corporate development and human capital management, which he has acquired during his extensive career in the HR space.

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