Der Trend Desktop-Dining – Warum echte Pausen jedoch besser für die Kreativität sind

May 26, 2020 Geoffroy De Lestrange

Viele Mitarbeiter essen heute schnell und hastig am Arbeitsplatz, um nur ja direkt wieder weiterarbeiten zu können. Die Coronakrise mit ihren sozialen Beschränkungen verschärft diesen Trend verständlicherweise. Doch Arbeitspsychologen warnen, dass diese Art der Pause nicht die psychologische Entkopplung schafft, die einerseits wirklich entspannt und andererseits auch durch den kurzen Fokus in der Pause auf andere Themen wirkliche Kreativität fördert. Der Beitrag beleuchtet, wie man auch in Krisenzeiten kurz und knackig eine Pause machen kann, die dem „System“ der eigenen Psyche wirklich nutzt.

Deutschland und Europa erwachen allmählich aus dem Lockdown. Doch die Coronakrise hat dafür gesorgt, dass sich viele Menschen zurückgezogen haben. Dies gilt natürlich aus Sicherheitsgründen auch weiterhin und erstreckt sich vor allem über die Pausen, wo man früher eher viel Zeit mit den Kollegen im Freien verbracht hat. Die Symptome dafür, wer denn nun eine Auszeit am Arbeitsplatz braucht, waren seit jeher leicht zu erkennen: Hunger, Erschöpfung, Unkonzentriertheit, Müdigkeit etc. Hingegen waren und sind die Anzeichen dafür, was denn eine richtige Pause ist, weniger eindeutig. Denn Auszeit ist nicht gleich Auszeit – das wird gerade in Krisenzeiten deutlich. Doch auch der technologische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel haben einiges in der Pausenkultur bewirkt. In Zeiten von Emails, Netflix und Tablets erzeugt die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit ein Klima, wo immer mehr Werktätige im Büro sich nicht von ihrem Computermonitor trennen können. Desktop-Dining nennt sich der Trend, bei dem die Belegschaft ihre Mittagspause direkt am Schreibtisch verbringt. Häufig wird beim Essen dann etwas Interessantes im Internet gelesen oder ein lustiges Video auf YouTube geguckt. An sich ist dies nicht verwerflich, schließlich verfügt nicht jedes Unternehmen über eine Kantine und auch der Konferenzraum sollte nur in Ausnahmefällen (wie Betriebsjubiläum oder Geburtstag eines Kollegen) für ein Gelage herhalten müssen. Schließlich sollte in einem gesunden Verhältnis Arbeit und Privates getrennt werden.

Dies gilt auch für die Freizeit der Belegschaft. Daher ist es natürlich nicht verboten, die Mittagspause vor dem Monitor zu verbringen. Dennoch deuten immer mehr Erhebungen in den letzten Jahren darauf hin, dass bereits unser Smartphone abgeschaltet in der Tasche unsere Konzentration raubt, weil wir immer im Nacken haben, dass uns dort jemand eine Nachricht hinterlassen könnte. Wie groß ist da erst der Einfluss von einem Computerbildschirm oder einem Tablet nach mehreren Stunden Arbeit? Viele Menschen – besonders die jüngeren Jahrgänge – geben jedoch immer wieder an, dass genau jene digitalen Medien sie entspannen und sie es kaum erwarten können in der Pause den Status auf Facebook oder Instagram nachzuprüfen. Demnach kommt es nicht auf einen Verzicht des digitalen Konsums, sondern auf eine geregelte Nutzung an. Wie soll denn auch die Nutzung digitaler Medien während der Pausenzeiten untersagt werden? Studien untermauern jedoch, dass ein Verlassen des Arbeitsplatzes für ein gesteigertes Wohlbefinden sorgt.

Es macht einen Unterschied, ob man einen Text in einem Buch oder auf dem Monitor liest

Und dies ist der entscheidende Punkt, denn es kann unter gewissen Bedingungen zumindest vom Geschäftsführer untersagt werden, seine Mahlzeit am Schreibtisch zu verzehren – in vielen Fällen verzichtet der Chef natürlich darauf, da dies unnötig den Unmut der Belegschaft wecken könnte. Ausnahmen sind natürlich Arbeitsplätze in der Öffentlichkeit und mit Publikumsverkehr. Ein Rezeptionist sollte sein Sandwich wohl eher nicht am Lobbyschalter vor seinem PC und den Blicken der Gäste verdrücken. Außerdem sollten auch Pausenrituale immer in Abstimmung mit dem Rest des Teams geschehen. Vielleicht nehmen die Sitznachbarn im Büro ihre Mahlzeit immer draußen in einem Bistro ein – und fühlen sich dementsprechend belästigt, wenn die Kollegin ihre Mahlzeit am Schreibtisch genießt.

Freilich ist jeder Mensch individuell und sollte seine Freizeit so verbringen, wie er oder sie es für richtig hält. Daher sollten abgesehen von den erwähnten Ausnahmefällen keine Verbote, sondern Anreize geschaffen werden, auch mal das Büro zu verlassen. Wenn Mitarbeiter zum Beispiel ihr Essen im Büro einnehmen, sollte zumindest ein Spaziergang außerhalb erfolgen, um den Kopf freizukriegen. Je mehr man sich in der Pause von der Arbeit entfernt, umso besser. Hier eignen sich auch Teamtreffen, die einmal im Monat in einem Stammrestaurant stattfinden.

Auch im Winter sollte man an die frische Luft, denn selbst wenn es ein wenig fröstelt, so trägt die körperliche Wahrnehmung der Jahreszeiten doch entschieden zu einem guten Gemütszustand bei. Falls man bei einer biblischen Sturmflut aber keine andere Wahl hat, als im Büro zu bleiben, sollte man auch hier eine Alternative für die Zeit nach dem Desktop-Dining suchen. Wer keinen Fußballkicker im Pausenraum hat und sich mit den Kollegen auch nicht unterhalten will, der sollte mal ganz entspannt eine Zeitschrift oder ein Buch lesen. Nun wird der ein oder andere kritische Leser fragen, wo denn der Unterschied darin bestehe, ob man einen spannenden Text auf dem Monitor oder einem Magazin liest. Natürlich erstmal ist das flackernde Licht vom Screen nicht gut für unsere Augen, aber besonders kritisch ist hier wieder die Gefahr der Reizüberflutung, wenn ständig Werbefenster aufpoppen, Hyperlinks einen weiterleiten wollen oder der Algorithmus direkt einen ergänzenden Artikel vorschlägt. Dies mag freilich bei einer modernen Form der Recherche sehr nützlich sein, setzt unser Gehirn aber doch wieder unter Stress – was wir in der Pause tunlichst vermeiden wollen. Daher macht es bei schlechtem Wetter in der Tat einen Unterschied, ob wir einen Text auf dem Bildschirm oder in einem Buch lesen.

Aber auch die sozialen Einschränkungen wie das Abstandhalten während der Corona-Pandemie sollten die Werktätigen nicht daran hindern, das Freie aufzusuchen. Im Gegenteil: Denn gerade an der frischen Luft lebt es sich gesünder als im Büro mit all den Kollegen. Natürlich sollte hier aber wie erwähnt die nötige Distanz zu anderen Passanten gewahrt werden. Denn die Breaks während der Arbeitszeit hemmen entgegen dem Glauben vieler Workaholics nicht die Arbeitsleistung, sondern erhöhen diese sogar. Schließlich kann man sich mit einem freien Kopf wieder besser auf die Projekte stürzen, als wenn man den ganzen Tag die tristen Bürowände nicht verlässt. Das Motto sollte lauten: Raus der aus der Lunchhölle, rein in den Pausenhimmel.

Über den Autor

Geoffroy De Lestrange

Product Marketing & Communication Director EMEA at Cornerstone OnDemand

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