Der Bewerber muss umworben werden!

March 21, 2018 Michael Grotherr

Unternehmen tun bekanntlich nahezu alles, um ihren Kunden zu gefallen. Für Bewerber hingegen, die bald selbst Teil der Firma werden, gilt dies nicht so häufig. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung, muss man sich als Recruiter jedoch die Frage stellen, inwieweit man sich in diesen Zeiten noch einen schlechten Stil im Umgang mit Bewerbern erlauben kann.

Dass Bewerber gar keine oder erst sehr spät Rückmeldung zu ihrem Bewerbungsstatus erhalten, ist leider keine Seltenheit. Und ist diese Hürde überschritten, gibt es leider auch immer noch genug Firmen, die unangenehm im Job-Interview auffallen. Da wird gegähnt, unaufmerksam zugehört oder gar auf dem Handy rumgescrollt. Dabei sind die Folgen für Unternehmen nicht zu unterschätzen, wenn sich Bewerber nicht fair behandelt fühlen. Denn das individuelle Erleben des Bewerbungsprozesses beeinflusst nachweislich das Firmen-Image.

Schlechte Bewerbungsprozesse haben Folgen

Einer Umfrage zufolge geben etwa drei Viertel der Befragten an, der Verlauf des Bewerbungsprozesses würde ihre Sicht auf Unternehmen und auf deren Produkte beeinflussen. Sich positiv auf die sogenannte Candidate Experience auswirkende Faktoren sind laut den Experten:

  • zeitnahe Rückmeldung
  • Recruiter, die sich richtig über die Kandidaten informiert haben
  • möglichst einfach strukturierte Online-Formulare und eine insgesamt technisch stabil laufende Online-Bewerbung

Ist das Erleben des Bewerbungsprozesses negativ, geben 11 Prozent der Befragten an, dass sie bis auf Weiteres davon absehen würden, Produkte des Unternehmens zu kaufen. Als Arbeitgeber käme die jeweilige Firma für 43 Prozent der Befragten für die nächsten Jahre erst einmal gar nicht mehr in Frage und etwa die Hälfte der Befragten würde zusätzlich ihrem Bekannten- und Freundeskreis davon abraten, sich bei dem Unternehmen zu bewerben. Die Tragweite dessen darf in Zeiten von Social Media und Arbeitgeber-Bewertungsportalen wie Kununu und Glassdoor, nicht unterschätzt werden. Ein schlechter Eindruck kann heutzutage bekanntlich recht weit und für die Allgemeinheit ersichtlich gestreut werden.

Eine aktuelle Studie unterstreicht diesen Faktor. Bereits 45 Prozent der Arbeitssuchenden erkundigen sich vor einer Bewerbung auf Bewertungsportalen über mögliche Arbeitgeber. Und obwohl dem gegenüber noch über die Hälfte aller Befragten auf ihr Bauchgefühl während des Interviews vertraut, wird der Gebrauch solcher Plattformen zukünftig laut Studie deutlich zunehmen. Das könnte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass die dort vorzufindenden Bewertungen ehemaliger oder aktueller Mitarbeiter von vielen als verlässlicher eingestuft werden, als Angaben zu den Arbeitsverhältnissen auf Unternehmens-Websites.

Employer Branding im Recruiting gewinnt an Bedeutung

Dabei ist für potenzielle Bewerber der erste Kontakt zu einem neuen Arbeitgeber von ausgesprochener Wichtigkeit. Denn er gibt erste Anhaltspunkte über die im Unternehmen gelebte Unternehmenskultur. Ein Bespiel: Antwortet eine Firma nicht auf Bewerbungen, könnte dies suggerieren, dass sie sich nicht für ihre Mitarbeiter interessiert und so in der Gunst von Bewerbern sinken. Gerade bei der Umwerbung der Generation Y, kommt dieser Gesichtspunkt zum Tragen. Denn die in der Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre Geborenen, scheuen keine Jobwechsel, wünschen sich vielseitige Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten und legen Wert auf eine ausgewogene Work Life Balance. Um diesen hohen Erwartungen gerecht zu werden, muss der Bewerbungsprozess  tadellos sein. Anstelle sich zurückzulehnen und darauf zu warten, dass geeignete Kandidaten die offenen Stellen von alleine besetzen, müssen Unternehmen sich daher zu einer Marke machen, mit der Bewerber angeworben werden. Unternehmensstrategisch wird das auch als Employer Branding bezeichnet.

Dafür müssen Unternehmenskultur, -ziele und –werte – welche die Positionierung im Wettbewerb und strategische Leitmotive kommuniziert – bekannt gemacht und von allen Mitarbeitern gelebt werden. Gelingt dies, kann das Unternehmen entscheidend an Attraktivität gewinnen, insbesondere für Fachkräfte. Mitarbeiter, die dem Employer Branding mit all ihren Komponenten emotional verbunden sind, leisten dann wahrscheinlicher Höchstleistungen und tragen damit insgesamt zur Steigerung der Unternehmensbilanz bei. Unternehmen die dafür bekannt sind, qualifizierte Bewerber anzulocken, können darüber hinaus ihre Außenwirkung und damit ihren Unternehmenswert steigern. Denn wer über eine Vielzahl qualifizierter Mitarbeiter verfügt, dem wird entsprechend viel Leistung und Produktivität nachgesagt. Ein strategisches Recruiting kann und muss also zum eigenen Vorteil ausgehen – nicht nur, um die richtigen Mitarbeiter an Bord zu holen, sondern auch um das eigene Unternehmen gezielt zu vermarkten.

Über den Autor

Michael Grotherr

Michael Grotherr is Vice President for Sales in Central Europe at Cornerstone OnDemand since 2017. He works from Munich and has extensive and detailed industry knowledge regarding strategic leadership, corporate development and human capital management, which he has acquired during his extensive career in the HR space.

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