Das neue Wir-Gefühl: Warum sich ein wenig mehr Menschlichkeit in der Arbeitswelt für alle auszahlt – Blog zum Cornerstone-Webinar mit Carmen

August 20, 2020 Jannine Dockhorn

Videochats statt Konferenzen, Home-Office statt Präsenzpflicht am Arbeitsplatz sowie E-Learning anstelle des guten alten Weiterbildungsseminars – zweifelsohne hat die aktuelle Coronavirus-Krise das Mega-Thema Digitalisierung noch einmal ordentlich vorangetrieben. Auch ist es längst eine Binsenweisheit, dass vernetzte Systeme im Wettbewerb deutlich besser abschneiden als Einzelkämpfer. Doch wenn das Arbeitsleben immer stärker von Algorithmen bestimmt wird, was passiert dann mit unserer Gefühlswelt? Schließlich sind ein guter Instinkt, ein hohes Maß an Motivation der Mitarbeiter sowie emotionale Intelligenz mindestens ebenso erfolgsentscheidend – davon jedenfalls ist Carmen Hentschel, Expertin für Digitalisierung und digitale Transformation überzeugt.

In ihrem Webinar „Das Business der Zukunft: der radikal menschliche Weg“ erklärt sie, warum es so wichtig ist, diese Soft Skills mit den Hard Skills unter einen Hut zu bringen.  

„Es führt einfach kein Weg mehr daran vorbei, mehr Menschlichkeit ins Business zu bringen“, so lautet Hentschels zentrale These, die auf den ersten Blick vielleicht ein wenig esoterisch klingt. Aber es gibt einige handfeste Gründe, die dafür sprechen. Da ist zum einen die fortschreitende Digitalisierung, weshalb Algorithmen uns immer mehr analytische Aufgaben abnehmen. Das wiederum ermöglicht mehr Spielraum zum Menschsein, zu mehr Fokussierung auf emotionale Qualitäten, so ihre Botschaft. Ferner nennt sie den demografischen Wandel, der nicht nur einen Mangel an Fachkräften zur Folge hat, sondern ebenfalls veränderte Vorstellungen von der Arbeitswelt ganz generell, Stichwort: Work-Life-Balance. Als Beschleuniger dieses Trends aber macht Hentschel die aktuelle Pandemie aus, die für alle Beteiligten zum Stresstest wurde. „Wie menschlich sich Firmen dann in dieser Situation gegenüber ihren Mitarbeitern gezeigt haben, das war das große Thema in den sozialen Netzwerken wie LinkedIn oder Xing“, so ihre Beobachtung. „Da gab es sehr viel Lob, aber auch so manchen Shitstorm.“

Doch es gibt noch eine weitere Baustelle, und die heißt Frust am Arbeitsplatz. „16 Prozent aller Erwerbstätigen, also rund sechs Millionen, in Deutschland haben innerlich bereits gekündigt“, zitiert Hentschel aus einer aktuellen Gallup-Studie. „69 Prozent machen allenfalls Dienst nach Vorschrift. Gerade einmal 15 Prozent fühlen sich mit ihrem Job auch wirklich emotional verbunden.“ Den volkswirtschaftlichen Schaden dieser flächendeckenden Motivationskrise beziffert Gallup auf 122 Milliarden Euro im Jahr. Doch nun die Devise ausgeben, nach der Top-Down-Methode einfach an alle in der Organisation mehr Verantwortung zu delegieren, um irgendwie agiler zu werden, das wird nicht funktionieren. „Wenn 85 Prozent der Arbeitnehmer derzeit auf Sparflamme laufen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich plötzlich etwas verändert, nur weil wir ihnen das Zepter in die Hand geben.“

Smarte Technik und Big Data mit einer gehörigen Portion Menschlichkeit zusammenzubringen – das ist für Hentschel genau die Formel, die ein Befreiungsschlag sein kann, um aus einem solchen Dilemma herauszukommen. Oder anders formuliert: „Wenn man das alles konsequent zu Ende denkt, dann ist die Digitalisierung sogar als eine Einladung zur Kultivierung unseres Menschseins zu verstehen.“ Erfolgreiche Firmen wie Ali Baba, Chinas Antwort auf Amazon, haben diese Botschaft bereits längst verinnerlicht. „Unternehmenschef Daniel Zhang spricht deshalb nicht nur vom IQ, der entscheidend ist, sondern ebenfalls von einem Emotionalen Quotient, kurz EQ, und sogar von einem LQ, den er Liebesquotient nennt.“ Dahinter steckt der Ansatz, menschlichen Qualitäten wie der Bereitschaft, sich um andere zu kümmern oder Vertrauen aufbauen zu können, hohe Wertschätzung entgegenzubringen. „Bei den digitalen Pionieren von Morgen hat der klassische Nerd schlichtweg ausgedient.“ Gefragt sind Mitarbeiter, die ein Verständnis für Algorithmen und die Menschen, die sie umgeben, gleichermaßen mitbringen.

Aber auch in bestehenden Organisationen lassen sich ohne großen Aufwand oder Kosten Prozesse implementieren oder Rituale einführen, die zu mehr emotionaler Bindung an das Unternehmen führen. „Man muss herausfinden, was für Lebenserfahrungen, Gefühle oder Werte die anderen haben und welche davon uns allen gemein sind. Das ist der eigentliche Schlüssel“ So etwas kann recht einfach funktionieren. Als ein Beispiel für so einen Abschied vom reinen Silo-Denken nennt sie das „Lunch-Roulette“. Personen werden nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelt und gehen gemeinsam zum Mittagessen, alles ganz zwanglos und informell natürlich. „Da kommt jemand aus der Geschäftsführung mit dem Azubi zusammen oder Kollegen aus der Buchhaltung mit denen vom Außendienst. Daraus können sehr interessante Begegnungen werden, wobei alle Beteiligten völlig neue Einblicke auf Abläufe oder Probleme innerhalb des Unternehmens gewinnen.“ Eine besondere Funktion bei diesen Out-of-the-Box-Ansätzen kommt aber auch unseren fünf Sinnen zu. „Denn der menschliche Körper ist sowohl ein Kommunikations- als auch ein Wahrnehmungstool“, betont Hentschel immer wieder. Das gilt für unser Zeitalter der digitalen Vernetzung genauso wie früher. Aber erst mit Hilfe einer gezielten Fokussierung auf unser Menschsein kann aus der Summe der einzelnen Teile wirklich ein neues Wir werden.

Über den Autor

Jannine Dockhorn

More than 10 years of experience in international B2B marketing management in technological environments.

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